Workshop: Ernährungskultur gemeinsam transformieren

Autor: Leander Dalbert

Die Transformation unseres dominanten Ernährungssystems bzw. unserer dominanten Ernährungskultur kann nur gemeinsam gelingen. Das Zeitalter der Experten geht zuende.

Boimig & Dalbert-Sustainability trugen zum 3. LifeLab des Programms «Teil der Lösung – Mensch in Bewegung» bei. Das Programm 2019 findet unter folgenden Fragen statt: Wie verändern wir unsere Lebensstile so, dass sie zukunftsfähiger werden? Wie können wir nachhaltiger leben und vielleicht sogar zufriedener sein? Welche alternative Konsumformen gibt es und wie können sie in unseren Alltag integriert werden?

Teil der Lösung – Mensch in Bewegung richtet sich an alle, welche ihren Alltag zukunftsfähiger gestalten wollen. In den regelmässigen Lifelabs wird folgendes Angeboten: 1. Fakten von Experten aus Wissenschaft, Medien und Wirtschaft, 2. Inspiration durch Menschen, die den Wandel vollzogen haben, 3. Transfer durch einen aktiven und offenen Austausch mit Experten und Gästen.

Der Schwerpunkt des Lifelabs am 1. September lautete Community Supported Agriculture und fand in der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi) Minga Vo Meile mit über 20 Teilnehmer*innen aus Zürich, Bern und Winterthur statt. Boimig & Dalbert-Sustainability boten einen dreigliedrigigen Workshop an. Im ersten Teil wurde die dominante Esskultur und ihre Strukturen nach einer kollaborativ wissenschaftlichen Methode erarbeitet und abgebildet. Im zweiten Teil wurde gemeinsam in die Zukunft geträumt und Kriterien für eine erstrebenswerte Ernährungskultur formuliert. Im dritten Teil wurde für die Region Zürichsee ein Szenario tiefgreifender Veränderung entwickelt und visualisiert.

Die Ergebnisse des Workshops dienen einem Forschungsprojekt, dass sich bemüht die Beziehung zwischen Land und Stadt zu verstehen und sich bemüht diese Beziehung zwischen Land und Stadt sozial und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Zum anderen sollen Kriterien und Orientierungspunkte für eine tiefgreifende Transformation der dominanten Esskultur formuliert werden. Dies wird einen direkteren Nutzen haben. Sie werden in die Schweizer Politik einfliessen. Es gibt in der Schweiz eine neue Partei, die Integrale Politik. Am 23. September trifft sich die Arbeitsgruppe «Landwirtschaft». Sie haben Boimig & Dalbert Sustainability gebeten im Beratungsprozess zu ihrer Ernährungspolitik beizutragen. Boimig & Dalbert Sustainability sahen gleich die Möglichkeit für mehr Partizipation im politischen Prozess und befragten die Teilnehmer*innen des LifeLabs auf eine innovative Weise zu ihren Erfahrungen, Wünschen und ihrer Handlungsbereitschaft.

Wanda Böhmer, Johanna Rüegg und Leander Dalbert haben Mitte letzten Jahres den Verein Boimig gegründet. Boimig möchte das Grossartige von Bäumen wieder in die Mitte unseres Lebens Rücken. Von Bäumen kann man leben! Sie bieten uns Grundnahrungsmittel aus Nüssen, Gesundes zum Naschen und Holz zum Reparieren von Häusern und Möbeln. Sie erschaffen um sich herum Leben. Bäume bringen Regen, tragen zur Bildung von Humus bei (Bodenfruchtbarkeit und CO2-Speicherung), füllen den Boden über ihre Wurzeln mit Wasser und bieten Lebensraum für eine grosse Vielfalt an Lebewesen (Biodiversität).

Bei Boimig geht es vor allem ums Essen. Boimig macht eine nachhaltige, eine regenerative Ernährungskultur rundum den Zürisee erlebbar, mit dem Baum in unserer Mitte. Der Verein organisiert mit Konsument*innen und Produzent*innen Ernte- und Pflanzeinsätze, Kochevents, und Dialoge, um eine regenerative Landwirtschaft zu fördern, die sich auf Bäume und mehrjährige Kulturen stützt. Pflanzen wir Bäume in unseren Nachbarschaften und Äckern stärken wir Ökosysteme weltweit und somit das Fundament einer Nachhaltiger Entwicklung hier und weltweit. Boimig ist als ein sogenanntes Reallabor oder Living Lab auch Teil eines Forschungsprojekts namens “Land*Stadt-Transformation gestalten”. Dieses arbeitet an der Land-Stadt-Beziehung, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.

Land*Stadt – Transformation gestalten” ist ein transdisziplinäres Forschungsprojekt, das heisst Gesellschaft und Wissenschaft arbeiten eng zusammen. Das Forschungsprojekt ist auf 15 – 50 Jahre ausgelegt und wird von 2017 bis 2021 vom SPIELRAUM-Programm der Robert Bosch Stiftung gefördert. Die 15 Wissenschaftler*innen von 10 Institutionen teilen die Überzeugung, dass die künstliche Trennung von “der Stadt“ und “dem Land“ ein Hemmnis zum gesellschaftlichen Wandel in Richtung Zukunftsfähigkeit darstellt. Dalbert Sustainability ist eine dieser Institutionen. Gemeinsam wird ein neuer Ansatz entwickelt, um Veränderungsprozesse zu verstehen und zu befördern: Die “Transformative Zelle“.

Am 1. September wurde zugleich geforscht, kommuniziert und transformiert im Workshop zum  LifeLab des Programms „Teil der Lösung“. Im erstem Teil wurde eine sogenannte Konstellationsanalyse der dominanten Esskultur und ihrer Strukturen rund um den Zürisee mit den Teilnehmer*innen erstellt. Die Konstellationsanalyse ist Handwerkszeug für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein Brückenkonzept für die Nachhaltigkeits-, Technik- und Innovationsforschung. Begründet wurde es am ZTG (Zentrum Technik und Gesellschaft) der TU Berlin. Unterschiedliche Problemsichten, Wissensbestände und Lösungsansätze werden aufeinander bezogen, wodurch eine inter- und transdisziplinäre Verständigung befördert wird.

Elementtypen von Konstellationen sind (erweitert um das Energy Cultures Konzepts im Sinne einer Akteurs-zentrierten Interpretation von Kulturtheorie und eine Verlebendigung nach Charles Eisenstein). Die heterogenen Elemente sind gleichrangig und der Fokus liegt auf den Beziehungen zwischen den Elementen:

  • Akteur*innen (Personen oder Gruppen von Akteuren/ Organisationen), ihre Praktiken/ Verhaltensweisen und ihre Fähigkeiten/ Kompetenzen.
  • Bezug (z.B. lebendige, nicht menschliche Akteur*innen wie z.B. ein Fluss, ein Wald, ein Wolfsrudel oder technische Akteur*innen wie z.B. Algorithmen, eine Strasse zu denen Akteur*innen in Beziehung stehen)
  • Zeichen (z.B. Normen, Erwartungen, institutionelle Faktoren wie Organisationsstrukturen, Gesetze, Preise, Interessen, Ideen, Ideologien, Programme, Diskurse, Geschichten, Leitbilder)

Im zweiten Teil wurden Kriterien für eine erstrebenswerte Ernährungskultur erarbeitet. Die provokante Frage lautete: In welche Ernährungskultur würdest du dich so richtig verlieben? «[…] Es soll um die Sicht aus einer erstrebenswerten Zukunft zurück auf die Gegenwart gehen» (WBGU 2016). Das Träumen forderte einige der Teilnehmer*innen heraus – sind viele so gewohnt sich und andere darin zu bremsen.

Im dritten Teil wurde gemeinsam eine sogenannte Transformative Zelle für die Region Zürisee beschrieben. Sie ist eine Zelle bestehend aus Akteur*innen, Inputs, Outputs und geteilten Orientierungskriterien, die ein hohes Potential hat tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen. Die Beiträge aller Teilnehmer*innen waren wertvoll. Das Ergebnis sind drei aussagekräftige Poster zum Ist-Zustand der dominanten Esskultur, die Vision einer Alternative und ein machbarer Weg sie umzusetzen. Es wurde schnell klar: Die Zeit der Experten geht zu Ende – es lebe die Zeit vielfältiger Kollaborator*innen im Dialog, es lebe die Zeit ermächtigender Prozesse der Kokreation.

Dieser Beitrag ist auch auf Leander Dalberts Webiste erschienen: https://www.dalbert-sustainability.ch/blog–podcast/workshop-ernahrungskultur-gemeinsam-transformieren

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