Forschung

Unsere Zukunft entscheidet sich in den Städten. Urbane Räume gelten als Treiber und Betroffene globaler Umweltveränderungen und als wichtiger Teil „des Problems“ und „der Lösung“ zentraler Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. So wird Städten im Konzept der „Großen Transformation“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) eine Schlüsselrolle bei der sozialökologischen Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft zugeschrieben. Auch die “transformative Wissenschaft” befasst sich im Kontext der urbanen Reallaborforschung mit der Frage, wie die urbane Transformation in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann.

Im transdisziplinären Forschungsprojekt “Land*Stadt Transformation gestalten” untersuchen wir die Bedeutung urban-ruraler Verknüpfungen für die Große Transformation. Ausgangspunkt des Projekts ist die Feststellung, dass gesellschaftliche Transformation, wenn räumlich, dann meist entweder auf „die Stadt“ oder auf „das Land“ bezogen werden. Diese getrennte Betrachtung von Teilräumen ist – so die Hypothese – ursächlich für Transformationserfordernisse und -hemmnisse, da komplexe systemische Zusammenhänge unberücksichtigt bleiben. Als mögliches Korrektiv prüfen wir mit dem von uns gesetzten Begriff der “Transformativen Zelle“ einen Ansatz, der darauf abzielt, die unterkomplexe und transformationshemmende Stadt-Land-Dichotomie zu überwinden. Entsprechend der praxisorientierten Ausrichtung transformativer Forschung erfolgt die konzeptionelle Entwicklung der Transformativen Zelle im Rahmen eines wechselseitigen Prozesses zwischen Reallaborforschung, Reflexion und theoretischem Konzeptdesign.

Transformative Zelle

Die “Transformative Zelle“ (TZ) ist eine von uns vorgeschlagene Alternative zur unterkomplexen und transformationshemmenden Unterscheidung zwischen „der Stadt“ und „dem Land“.

 

In der Biologie und der Systemtheorie wird unter einer “Zelle” die kleinste funktionale Einheit eines übergeordneten Organismus bzw. Gesamtsystems verstanden. In in der Soziologie bezeichnet die Zelle eine relativ geschlossene, dezentral organisierte, aber zu einem größeren Netzwerk gehörende Gruppe von Personen, die bestimmte Ziele verfolgt und durch autonomes Handeln zu erreichen sucht. Die sprichwörtliche “Keimzelle” wiederum beschreibt einen einzelnen Ausgangspunkt, von dem aus sich ein größeres Ganzes entwickelt. In diesem Sinne beschreibt die TZ Orte, Akteure und Projekte, die mit ihrem Wirken im Kleinen zur Großen Transformation beitragen. Bei der TZ – so der Arbeitsstand – handelt es sich um ein trans-lokales (rurbanes) und sozial-dingliches Wirkungsgefüge (Akteure, Institutionen, Ressourcen, etc.) mit potenziell transformationsfördernder Wirkung. Die TZ ist ein dynamisches (Sub-)System mit multiplen funktionalen Einheiten und ebenso variablen wie durchlässigen Systemgrößen und -grenzen.

Das Konzept der TZ bietet die Möglichkeit einer systemischen Betrachtung transformativer Handlungsfelder anstelle von Teilräumen. Sie ermöglicht die Identifikation und Beschreibung von Orten, Akteuren und Projekten, die nicht in das Narrativ einer “Großen Transformation” und in die wissenschaftliche Forschungsinfrastruktur eines Reallabors eingebettet sind. Kern einer TZ ist ein transformationsorientiertes soziales Experiment. Im Rahmen des Forschungsprojektes wird dies durch die Reallabore abgebildet. Das Konzept der Transformative Zelle soll der urban-ruralen Transformationsforschung helfen transformative Wirkungsgefüge ausfindig zu machen, um sie im Rahmen einer Reallaborforschung wissenschaftlich begleiten und mitgestaltend in ihrem transformativen Potenzial fördern zu können.