Transformatives Forschen und Handeln – experimentelle Ansätze einer aktivistischen Forschergeneration

Im Rahmen des Forschungsprojekt “Land*Stadt Transformation gestalten”, gefördert durch die Robert Bosch Stiftung fand an 3 Tagen 24. – 26. Mai 2019 auf dem concrete transformation festival im Reallabor Betonwerk Stolpe bei  Angermünde ein Forschungscamp statt.

Willkommen auf dem concrete transformation festival. Foto: Anne Freitag

Vertreter*innen der vier Reallabore „nachbarschaftliche Grundsicherung Zürichsee“, „Bildungslandschaft Malchin“, „Visionsentwicklung Betonwerk Stolpe“ und „Partizipative Ernährungskulturen Köln-Bonn“ trafen für einen intensiven Austausch aufeinander.  Gemeinsam mit theoretisch orientierten Arbeitsgruppen zu Stoffströmen und räumlichen transformativen Strategien und künstlerischen Akteuren der Wissenskommunikation und Transformationsdokumentation wurde intensiv über das gemeinsame Konzept der Transformativen Zelle diskutiert. In einer Expertenrunde wurde gemeinsam diskutiert mit Prof. Dr. Harald Kegler, Experte für Stadtplanung, raumbezogene Transformationsforschung, Resilienz und forschendes Lernen von der Universität Kassel; Prof. Dr. Saskia Hebert, Architektin und Expertin für Transformationsdesign an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und Mitherausgeberin von  „Futur 2 Geschichten des Gelingens“; sowie Andreas Willisch, Leiter des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung, Experte für Sozialforschung im ländlichen Raum in Ostdeutschland und Mitinitiator vom Projekt „Neulandgewinner“ transformierende Akteure im ländlichen Raum; und Kristina Maurer von der Robert Bosch Stiftung.

Die Transformative Zelle – Ein Spielraum für Transformation

Die Transformative Zelle ist ein Modell für Spielräume in der Land-Stadt-Interaktion. Es handelt sich um Kontexte, also Orte, an denen zu einem bestimmten Zeitpunkt Freiräume jenseits gesellschaftlicher Spieregeln entstehen. In diesen Freiräumen können durch das Zusammenwirken von Akteuren neue Strukturen und Ideen  entstehen, welche Veränderungen auch jenseits der Freiräume freisetzen. Diese systemverändernde Wirkung bezeichnet man als Transformation.

Arbeiten an der transformativen Zelle. Foto: Anne Freitag

Die Transformative Zelle ist unser Ansatz für eine modellhafte, explizit nicht ausschließlich räumliche Betrachtung von Transformationsprozessen. Als  Voraussetzung für Transformative Zellen sehen wir (a) Akteure mit einer intrinsischen oder extrinsischen Motivation, bspw. einem für sie und die Gesellschaft relevanten Problem, und (b) einem klaren, für sie wünschenswerten Zukunftsbild. Transformative Zellen sind Experimentierräume, in welchen die Akteure individuell oder kollaborativ alternative Zukunftsbilder austesten, z.B. Landbewirtschaftung, Wohnformen oder Praktiken des Tauschhandels. Es sind damit Nischen, in denen sich Transformation im Keim entwickelt. Die Akteure können Privatpersonen, Unternehmen, Verbände, oder öffentliche Institutionen sein z.B. Verwaltungen, Behörden, Ministerien.

Die Transformative Zelle soll zum einen zur Analyse von Akteurs-Netzwerken eingesetzt werden, um deren transformatives Potential zu identifizieren. So können Initiativen, Projekte und deren Aktivitäten in unterschiedlichen Kontexten miteinander vergleichen werden.  Zum anderen kann das Modell die strategische Planung von auf Wirkung ausgerichteten Aktivitäten unterstützen. Wie kann die Transformative Zelle genutzt werden, um objektive vergleichbare, übertragbare, oder skalierbare Erkenntnisse von kontextualisierten Land-Stadt-Spielräumen transformativen Handelns im Anthropozän zu ziehen? Zwar soll die Transformative Zelle helfen die räumliche Trennung von Land-Stadt aufzulösen, jedoch sind diese Kategorien im Denken schwer zu überwinden.

Forschungspraktiken zwischen Wissenschaft und aktivistischer Intervention

Im Forschungscamp wurden zunächst die bisherigen Erfahrungen im transdiziplinären Forschungsprojekt gesammelt. Dabei zeigte sich, das insbesondere die Verteilung der Teams, die gemeinsame Weiterentwicklung des theoretischen Ansatzes der Transformativen Zelle  und die agile Arbeitsweise in den Reallaboren einen hohen Anspruch an Disziplin, Kommunikationsfähigkeiten und Koordination zwischen den Projektbeteiligten stellen.

Forschung trifft Praxis beim Wald-Weide Workshop. Foto: Anne Freitag

Diskutiert wurde auch die Frage: Was bedeutet transformatives Forschen und Handeln?  In den Reallaboren wird Transformation teils von den Forschenden direkt angestoßen, teils moderiert oder beobachtet. Damit werden die Wissenschaftler*innen zwangsläufig selbst zu Akteuren der Transformativen Zelle. Die Wissenschaftler*innen in den Reallaboren  experimentieren mit Methoden des transformative n Forschens und Handelns, um Transformationshemmnisse und Gelingensbedingungen zu ermitteln. Die jeweiligen eignen Intentionen, mentalen Infrastrukturen (Welzer) und potentielle Wirkungen von Aktivitäten gilt es zu reflektieren, um Erkenntnisse über die eigene Rolle und transformatives Forschen zu gewinnen. Wir schaffen Wissen darüber, anhand welcher Kriterien Spielräume für transformatives Handeln identifiziert und über welche Interventionen transformative Zellen initiiert werden können, und wie sich diese Spielräume in wissenschaftliche Forschungsinfrastrukturen, genannt Reallabore, integrieren lassen. Über gemeinsame Beobachtungs- und Analysemethoden, deren Ergebnisse in die modellhafte Darstellung der transformativen Zelle einfließen, soll in den kommenden Monaten eine Grundlage für objektive Vergleichbarkeit und gegenseitiges Lernen geschaffen werden.

Transformative Spielräume entdecken  – Wissen über Transformation schaffen

Eine Herausforderung für die Reallabore stellen die Grenzen quantitativer Erfassungsmethoden für Stoffströme und damit Transformationsprozesse dar. Wie können transformative Spielräume zu Beginn identifiziert und wissenschaftlich begleitet werden? Sich ändernde ideelle Bedeutungsaufladungen von Orten, Einstellungen und Werte der dort wirkenden Akteure sind sehr viel schwieriger erfassbar, als die Veränderung von materiell messbaren Stoffströmen.  Um transformatives Handeln über ein Reallabor zu beforschen, müssten Transformative  Zelle aber bereits zu Anfang identifiziert werden. Bisher wird dieses Problem über zwei Ansätze gelöst:

A:
Reallabore versuchen selbst über Interventionen Veränderungen zu initiieren. Hier tritt ein Rollenkonflikt zwischen dem Wissenschaftler als objektivem Forscher und Haltung beziehenden Aktivisten auf. Andererseits sind Ressourcen begrenzt und langfristig stabile, wirkmächtige Akteurs-Netzwerke aufzubauen sehr schwierig.

B:
Reallabore begleiten und unterstützen schon bestehende Initiativen, leisten Netzwerkarbeit oder moderieren die Prozesse. Erkenntnisse über die Initialzündung des transformativen Prozesses können ex-post nur schwer aus multi-perspektivischen narrativen Prozessbeschreibungen gezogen werden.

Ergebnisse der Werkstätten werden dem Publikum präsentiert. Foto: Anne Freitag

Fazit

Über die drei Tage wurde deutlich, dass transformative Wissenschaft nicht allein im Rahmen wissenschaftlichen Institutionen betrieben werden kann. Transformative Forscher *innen sind nicht nur Wissen produzierende Wissenschaf(f)tler, sondern auch Bürger*innen, die Haltung beziehen und wirkend tätig werden.  Anstatt zu diskutieren, was davon Wissenschaft und was Aktivismus ist, haben wir uns auf Methoden geeinigt, um unsere Intentionen, Aktivitäten und Ergebnisse zu reflektieren, über das Modell der Transformativen Zelle zu abstrahieren und damit vergleichbar zu machen. Nur auf dieser Grundlage kann nützliches und theoretisches Wissen geschaffen werden, wie über transformative Praktiken und in welchen Spielräumen der Land-Stadt-Interaktionen Lösungsansätze für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen des Anthropozäns gefunden werden können.

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